Wem Gehört Die Heimat?: Beiträge Der Politischen Psychologie Zu Einem Umstrittenen Phänomen (in German)
Belschner, Wilfried
Synopsis "Wem Gehört Die Heimat?: Beiträge Der Politischen Psychologie Zu Einem Umstrittenen Phänomen (in German)"
1. Die Zeichen von Krieg, Vertreibung und Flucht, die heute unsere Nachrich- ten aus Osteuropa beherrschen, verleihen dem Thema dieses Bandes eine grauenhafte Aktualität. Das halbe Jahrhundert gepanzerter Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte fast vergessen lassen, welche Gewalt die unter- drückten Konflikte um Lebensformen und Territorien behalten; wie erbittert sie als Kampf um ethnische oder nationale Identität erlebt und geführt wer- den. Es ist wie ein Blick in die brutale Vorgeschichte des Heimatphänomens, dessen materielle Dynamik durch den hegemonialen Fortschritt von Industrie und Weltmarkt - für unsere Weltgegend jedenfalls - gebändigt schien. Der säkulare Modemisierungsproze zerstört ja mit dem Zwang zu Indu- strialisierung und Weltmarktanpassung unaufhaltsam und unumkehrbar die traditionalen Grundlagen von regionalen Kulturen, von Gemeinschaftlichkeit und kollektiver Identität; wir sahen und sehen fortgesetzt diesen lebensweltli- chen Strukturwandel, in dem das Materiale der Heimat untergeht. Den ge- schichtlichen Individualitäten der Landschaft, der agrarischen, handwerkli- chen und auch industriellen Arbeitsformen, der Bauformen, der familialen Muster, schlie lich der Mentalitäten und Sprachformen wird-im Zuge einer Subsumption unter das Allgemeine des globalen Verwertungsprozesses-ihr Eigensinn genommen. Aber ist es nicht so, da gerade an diesem Eigenen - Sehnsucht wie Ha stiftend - in unserer Kindheit sich eine psychosoziale Disposition bildete, die unser Wesen durchprägt, in die wir immer schon ver- setzt sind und die uns nur im nachhinein - in der Bewu tseinsaufgabe, unser Erleben zu reflektieren - zugänglich wird. So ist Heimat das dem Einzelnen zugefügte Eigene, dem er sich affirmativ oder kritisch, getrieben oder sublimierend widmen oder entziehen kann.